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Musikalische Grenzüberschreitungen beim October Festival in Leipzig

Kristjan Järvi 8720 (c) Peter Adamik

(25.09.15) “Ich möchte nicht sagen: ‘Wir spielen Klassik, Barock, Jazz, Weltmusik.’ Das sind künstliche Kategorien, die für mich nicht existieren. Wir spielen einfach nur gute Musik”, sagt Kristjan Järvi. Man fragt sich manchmal, wie der in Estland geborene und heute in Leipzig und USA lebende Dirigent alle seine Projekte gleichzeitig stemmt. Kaum von der Europa-Tournee mit dem Baltic Sea Youth Philharmonic zurück, liefert Kristjan Järvi als künstlerischer Leiter und Chefdirigent des MDR Sinfonieorchesters ein ambitioniertes „Heimspiel“ für das October Festival des MDR.

Die Vielschichtigkeit des Programms der insgesamt sechs Konzerte an verschiedenen Spielstätten in und um Leipzig mutet spektakulär an: Sie demonstriert Järvis offenen Blick über Grenzen, Kulturen, Epochen und Genres hinweg, zeigt, wie flexibel er einen sinfonischen Klangkörper in den unterschiedlichsten Kontexten einsetzt. Mit seinem MDR Sinfonieorchester wagt Kristjan Järvi einen bislang erst äußert selten praktizierten Brückenschlag, wenn er das marokkanisches Gnawa-Ensemble um dessen Leiter Aziz Sahmaoui in den sinfonischen Klangkörper integriert.

Eine besondere Aktualität spricht aus Kristjan Järvis Engagement, mit dem er und das MDR Sinfonieorchester die Musikkultur des hellenischen Raums in Leipzig hörbar machen. Drei bedeutende Musiker aus Zypern und Griechenland treffen hier auf das Orchester. Dabei vereinen sich traditionelle zypriotische, griechisch-zeitgenössische, byzantinische und mitteleuropäisch-klassische Musik – zuweilen sogar mit Rock-Stilistiken.

Zu Kristjan Järvis Markenzeichen gehört es auch, Musikhistorie in neue Zusammenhänge der musikalischen Gegenwart zu setzen. Der Blick gen Süden streift auch die Musikstadt Wien. Hier zieht Kristjan Järvi eine Verbindungslinie zwischen Beethoven und Joe Zawinul, dem 2007 verstorbenen Jazzpianisten und Keyboarder. Und mehr noch: Wieder sind hier die Gnawa-Musiker als zusätzliche Bereicherung im Spiel. Zudem wird Django Bates die Synthesizersoli spielen, für die Zawinul so berühmt wurde.

Einfach gute Musik machen und dabei alt und neu zu vereinen, so etwas weitet durch Järvis Herangehensweise auch wieder den Blick auf einen anerkannten Klassiker wie Joseph Haydn. Dessen Sinfonie Nr. 82, (auch „Der Bär“ genannt) steht Seite an Seite mit einem Solokonzert für E-Gitarre von Christian Muthspiel. Und typisch wienerisch-schwarzhumorig soll es auch mal bei einem Konzert sein, welches die Donaumetropole zum Thema hat: HK Grubers „Frankenstein!!“, ist ein skurriles, mit ganz viel wienerischem Humor gesättigtes Pandämonium auf Texte von H. C. Artmann.

Zu spannenden Konzertabenden gehören wohl kalkulierte ästhetische Brüche, auf die Kristjan Järvi Musiker und Publikum gleichermaßen einschwört. Die dekadent-plüschige
Wiener Walzerseligkeit erfährt spätestens in Maurice Ravels Komposition „La Valse“ eine fast schon sarkastische Brechung. Auf einer ganz anderen Ebene doppelbödig und satirisch blickte der Pianist und Komponist Friedrich Gulda auf das Establishment seiner Heimatstadt, etwa in seinem selten gespielten Konzert für Cello und Blasorchester.

Weiterhin fusioniert das October Festival mit dem Impuls-Festival für neue Musik. Zwei Kompositionen aus den 1990er Jahre wollen am 30. Oktober im Neuen Theater Halle ihre Aktualität unter Beweis stellen. John Adams Chöre aus „The Death of Klinghoffer“ sowie die “Daniel Variations” von Steve Reich fokussieren einen gemeinsamen thematischen Kern. In beiden Fällen geht es um einen schwelenden Konflikt zwischen den Religionen.

Die Termine im Überblick:

Do, 15. Oktober, 20.00 Uhr, Werk 2 Leipziger Kulturfabrik
Night in Marocco
MDR Sinfonieorchester & Kristjan Järvi
Aziz Sahmaoui & University of Gnawa
http://www.werk-2.de/programm/2015-10-15_mdr_sinfonieorchester_night_in_morocco

Sa, 17. Oktober, 20.00 Uhr, Leipzig – Gewandhaus
Donau-Geschichten
Beethoven │ Zawinul
MDR Sinfonieorchester & Kristjan Järvi
Amitawa Chaterjee; Sabine Kabongo, Gesang
Aziz Sahmaoui & University of Gnawa

Do, 22. Oktober, 20.00 Uhr, Werk 2 Leipziger Kulturfabrik
Frankenstein!!
Haydn │ Muthspiel │ Gruber
MDR Sinfonieorchester & Kristjan Järvi
Wolfgang Muthspiel, Gitarre
HK Gruber, Chansonnier
http://www.werk-2.de/programm/2015-10-22_mdr_sinfonieorchester_frankenstein

So, 25. Oktober, 11.00 Uhr, Leipzig – Gewandhaus
Walzer
Ravel │ Gulda │ Strauss
MDR Sinfonieorchester & Kristjan Järvi
Rodin-George Moldovan, Violoncello

Mi, 28. Oktober, 20.00 Uhr, Leipzig – UTC
Hellenic Crossroads
Fusion: Orchestrales, Jazziges, Folkiges
MDR Sinfonieorchester & Kristjan Järvi
Miltiadis Papastamou, Violine
Alkinoos Ioannidis, Gesang, Gitarre
Evangelos Karipis, Perkussion

Fr., 30. Oktober, 20.00 Uhr, Halle – Neues Theater
1985' 2002'
Adams │ Reich
MDR Rundfunkchor MDR Sinfonieorchester & Kristjan Järvi

Tickets: www.mdr-tickets.de
Tel.: 0341-9467 66 99

Foto Kristjan Järvi © Peter Adamik