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Erweiterte Realität

(23.04.20) Die Spielzeit 2020-2021 des Grand Théâtre de Genève steht unter dem Zeichen der erweiterten Realität. Emotionen, Reflexionen, Gefühle, Fragen … Die Oper erweckt alle Sinne der Realität, indem sie das Bewusstsein und den Zuschauer auf eine höhere Ebene hebt. Mit diesen Worten der Künstlerin Marina Abramović beginnt die Spielzeitbroschüre:
«Ich glaube an die Idee der Parallelwelt. Ich glaube, dass die Realität, die wir wahrnehmen, auf einer bestimmten Frequenz existiert, und da wir alle in derselben Frequenz leben, sind wir für einander sichtbar; es ist aber auch möglich, von einer Frequenz zu einer anderen zu wechseln. In eine andere Realität zu wechseln. Ich glaube, dass es hunderte Realitäten gibt.» Aus: Marina Abramović, Durch Mauern gehen

Das visuelle künstlerische Erscheinungsbild der Spielzeit 2020-2021 wurde in Zusammenarbeit mit dem bekannten Genfer Künstler John Armleder entwickelt, dem Begründer der Bewegung ECART. Er entwirft eine Reihe von Zeichnungen mit Motiven, mit denen gespielt werden kann und die immer wieder neu zusammengestellt werden können.

Das Programm 2020-2021 umfasst 5 Neuproduktionen: Turandot, inszeniert von Daniel Kramer, La clemenza di Tito von Milo Rau, Parsifal von Michael Thalheimer, Dido and Aeneas von Franck Chartier und dem Duo Peeping Tom, und La Traviata in der Inszenierung von Karin Henkel. Zwei Produktionen stammen aus der Opera Ballet Vlaanderen, die früher von Aviel Cahn geleitet wurde: Die Sache Makropulos von Janáček, inszeniert von Kornél Mundruczó, und Debussys Pelléas et Mélisande in der Inszenierung von Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet.

Baguette d’or
Es ist ein ganz besonderer Moment der jüngeren Geschichte des Grand Théâtre, dass der künstlerische und musikalische Leiter des Orchestre de la Suisse Romande Jonathan Nott in dieser Saison zwei Produktionen dirigieren wird: Wagners Parsifal und Pelléas et Mélisande von Debussy. Eine völlig neue Zusammenarbeit, wenn man bedenkt, dass Fabio Luisi nur zweimal am Grand Théâtre dirigiert hat und Neeme Järvi überhaupt nicht. Im Hinblick auf seine musikalische Tradition wird das OSR wieder zu einem Ballett eingeladen, in dieser Spielzeit Le Sacre du Printemps. In einer allzu sehr von Männern dominierten Welt möchte das Grand Théâtre Frauen ins Rampenlicht stellen: die Dirigentin Emmanuelle Haïm bei Dido and Aeneas.

Ein ganz besonderes Augenmerk gilt auch den Schweizer Künstlern mit dem Regisseur Milo Rau (La clemenza di Tito), dem berühmten Tenor Bernard Richter, der die Titelrolle des Titus singen wird, mit Marie-Claude Chappuis, die Dido verkörpern wird, der Mezzosopranistin Yvonne Naef und schliesslich mit Titus Engel, den wir in Candide wiedersehen, nachdem er sehr erfolgreich Einstein on the Beach dirigiert hat.

Die Opern
Ein ästhetisches Feuerwerk eröffnet die Spielzeit 2020-2021: Turandot von Puccini in der Neuinszenierung von Daniel Kramer, dem Enfant terrible der englischsprachigen Bühnen. Er kommt mit dem aus Tokio stammenden Künstlerkollektiv teamLab und präsentiert einen psychedelischen und philosophischen Blick auf das Werk (15.-26. September 2020). Nach Aida kehrt Antonino Fogliani ans Grand Théâtre zurück, um dieses unvollendete Werk von Puccini in der von Luciano Berio fertiggestellten Fassung zu dirigieren. Die Titelrolle wird die berühmte schwedische Sopranistin Ingela Brimberg singen. Nach langer Abwesenheit kehrt Robert Wilson mit Händels Messias nach Genf zurück. Seine ätherische, fast unwirkliche und kühle Inszenierung ist eine Hommage an Mozarts Bearbeitung von Händels Oratorium. Les Musiciens du Louvre werden in dieser Co-Produktion mit den Salzburger Festspielen und dem Théâtre des Champs-Élysées von Marc Minkowski geleitet (4.-5. Oktober 2020). Erstmals am Grand Théâtre aufgeführt, erzählt die Oper Die Sache Makropulos von Leoš Janáček die Geschichte einer Diva zwischen ewigem Leben und Endlichkeit. Kornél Mundruczós Inszenierung, die bereits an der Opera Vlaanderen präsentiert wurde, ist in einem Science-Fiction-Ambiente angesiedelt. Dabei spielt die Videokunst eine zentrale Rolle. Die Musik des tschechischen Komponisten wird von seinem Landsmann Tomáš Netopil dirigiert (26. Oktober – 6. November 2020). Zum Jahresende ist am Grand Théâtre ein selten auf die Bühne gebrachtes Werk zu erleben: Candide von Leonard Bernstein, teils Oper, teils Operette und teils Musical. Die Inszenierung des Australiers Barrie Kosky besticht mit Humor, schlichtem Bühnenbild, schwungvollen Choreographien und ausgefeilter Personenregie. Nachdem er bereits die Spielzeit 2019-2020 eröffnet hatte, wird Titus Engel hier das OSR, den Chor des Grand Théâtre und Paul Appleby in der Titelrolle dirigieren (11.-23. Dezember 2020). An die Milchstrasse, die Lichtinstallation an der Decke des Grand Théâtre, anknüpfend, verspricht Pelléas et Mélisande einen kosmischen und traumhaften Moment. Der berühmte Choreograph und Regisseur Sidi Larbi Cherkaoui und der aufsteigende Künstler Damien Jalet zeichnen für die Inszenierung verantwortlich, und Marina Abramović wird das vielschichtige und visionäre Bühnenbild realisieren. Im Orchestergraben steht der musikalische und künstlerische Leiter des OSR Jonathan Nott, und das Orchester kann sein Gespür für die subtile französische Musik unter Beweis stellen (18.-28. Januar 2021). Die kürzlich konzertant mit Teodor Currentzis aufgeführte opera seria La clemenza di Tito von Mozart wird nun in Genf von einer Schweizer Theatergrösse inszeniert: Milo Rau. Der Regisseur lässt in seiner Lesart die selbstgerechten Masken der Mächtigen fallen, allen voran Titus, interpretiert von dem Publikumsliebling Bernard Richter, der ebenfalls Schweizer ist . Der junge russische Dirigent und ehemaliger Assistent von Teodor Currentzis, Maxim Emelyanychev, wird diesem Spätwerk von Mozart seinen ganz persönlichen Stempel aufdrücken und auch die Rezitative selbst am Klavier begleiten (19. Februar-3. März 2021). Religion, Politik und Spiritualität verbinden sich in Michael Thalheimers Neuinszenierung von Wagners Parsifal und seiner Lesart zwischen Endzeit und Erlösung. Auch hier wird der Chefdirigent des OSR Jonathan Nott dirigieren, wie vor ihm Armin Jordan und Horst Stein. Die Titelrolle singt der grosse Wagner-Tenor Daniel Brenna, Josef Wagner ist Amfortas und Tanja Ariane Baumgartner singt die Rolle der Kundry (30. März – 11. April 2021). Nach dem überwältigenden Erfolg von King Arthur an der Opéra des Nations wird mit Purcells Dido and Aenea ein weiteres Werk des englischen Barock auf die Bühne gebracht, inszeniert und choreographiert von Franck Chartier und unter Mitwirkung von dessen Tanzkompagnie Peeping Tom. Die Dirigentin Emmanuelle Haïm, eine Grösse im Barock-Repertoire, leitet das Orchester und den Chor des Concert d’Astrée
(2.-11. Mai 2021). Zum Abschluss der zweiten Spielzeit von Aviel Cahn am Grand Théâtre gibt es eine Oper im Gebäude der Forces Motrices: La Traviata von Verdi. Auch hier steht wieder eine Frau im Rampenlicht, und zwar nicht nur Violetta Valéry, sondern auch die Regisseurin Karin Henkel, die Verdis Oper mit scharfem, analytischem Blick in Szene setzen wird. Mit dem Verdi-Experten Paolo Carignani am Pult sind das doppelt besetzte Sängerensemble, das OSR und der Chor des Grand Théâtre in guten Händen (20. Juni – 3. Juli 2021).

Ballett
Mit Keersmaeker, Foniadakis und Cherkaoui versprechen prominente Namen der Tanzszene eine spannende Ballettsaison 2020-2021, an der auch das OSR mitwirken wird. Der Abend Hors Cadre präsentiert als Weltpremiere die Kreation des Südafrikaners Fana Tshabalala Better Sun und anschliessend Exhibition von Sidi Larbi Cherkaoui, basierend auf Moussorgskis Bildern einer Ausstellung (21.-29. November 2020). Nach dem Erfolg von Sechs Brandenburgische Konzerte steht ein Wiedersehen mit Anne Teresa De Keersmaeker und ihrer Kompagnie Rosas auf dem Programm. Diesmal wird sie den unerbittlichen Rhythmus von Steve Reichs Drumming in Bewegung übersetzen (18.-21. März 2021). Der Skandal anlässlich der Uraufführung von Igor Strawinskys Sacre du Printemps ist wohlbekannt. Gleich zwei Choreographen versuchen sich nun in Le Sacre2 an diesem Werk: Andonis Foniadakis (Wiederaufnahme von 2013) und Jeroen Verbruggen mit Massâcre. Es spielt das OSR (26.-31. Mai 2021).

Liederabende und Konzerte
Er ist einer der führenden Bässe weltweit, der zu Hause ist an der Met, der Pariser Oper, der Berliner und der Wiener Staatsoper: René Pape war erst zweimal in Genf zu Gast. Er kehrt für einen Abend rund um Modest Mussorgski zurück und singt unter anderem dessen Lieder und Tänze des Todes (7. Oktober 2020). Der Liederabend von Matthias Goerne verspricht mit Schubert und Beethoven einen intimen Ausflug in die deutsche Romantik (5. November 2020). Wie Sternenstaub, der zu einer Sonne wurde: Pretty Yende brilliert auf den Bühnen der ganzen Welt. Seit ihrer Pamina in Die Zauberflöte am Grand Théâtre im Dezember 2013 liegt ein langer Weg hinter ihr. Ihre Auftritte reichen von Violetta und Manon in Paris bis zu Rosina und Die Regimentstochter an der Met. In ihrem Liederabend begibt sie sich auf einen musikalischen Spaziergang von Schumann über Rossini, R. Strauss bis zu Paolo Tosti (7. Mai 2021). Mit französischer Eleganz lädt der Bariton Ludovic Tézier das Publikum ein auf eine Reise durch die Musik des 19. Jahrhunderts: Schumann, Fauré, Berlioz. Dazu gesellen sich Mozart und Jacques Ibert (6. Juni 2021).

Beim Silvesterkonzert am 31. Dezember begleitet das Kammerorchester Basel die Mezzosopranistin Gaëlle Arquez und damit eine weitere charismatische Sängerin, die vor allem als Carmen von London über Frankfurt, Bregenz und Madrid bis München weltweit gefragt ist. Ihre Offenbach-Arien sind der perfekte Jahresausklang. Daneben erklingen Stücke von Mozart, Rossini und Vivaldi, dirigiert von Gianluca Capuano (31. Dezember 2020).
Mit Saint François d’Assise und Der Messias im Jahr 2020, sowie Parsifal im Jahr 2021 setzt das Grand Théâtre auch mit Mendelssohns Oratorium Paulus auf Spiritualität und bietet insbesondere dem Chor des Grand Théâtre Gelegenheit, sich zu präsentieren. Dieser, sowie die Maîtrise du CPMDT und das Orchestre de Chambre de Genève werden von Hervé Niquet dirigiert. Das Konzert findet in der Kathedrale Saint-Pierre statt, es singt unter anderem die Sopranistin Polina Pastirchak (21. Januar 2021).

La Plage
Als neuer Programmpunkt des Grand Théâtre seit der Intendanz von Aviel Cahn war La Plage ein grosser Erfolg, viele Veranstaltungen waren ausverkauft, so z. B. Late Nights, Führungen, die Vorstellung für junges Publikum Cenerentolina und die Grand Brunchs. All diese Formate werden auch in dieser Spielzeit wieder angeboten, etwa die Apéropéras, die Führungen, das Format Voilà Voilà. Auch ein Tag der offenen Tür ist wieder vorgesehen (13. September 2020, 11-18 Uhr) sowie die Open-Air-Übertragung Sous les étoiles, diesmal mit Turandot (19. Juni 2021).

Zu den Neuheiten gehört Opera Lab, ein Projekt, das die Oper aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet. Seit mehreren Monaten werden Studenten aus verschiedenen Fachrichtungen zusammengebracht, um ein Musiktheaterwerk von A bis Z zu kreieren (3.-5. September 2020). Für Nachtschwärmer ist ein Sleepover im Grand Foyer geplant, eine lange Reise durch die Nacht, um dieses «Schweizer Kulturgut von nationaler Bedeutung» auf eine andere Art und Weise zu erleben, von 22 Uhr bis 10 Uhr (28. Mai 2021). Mon premier récital schliesslich lädt die Kleinen zu einem kurzen Konzert mit Schumann, Beethoven und Schubert ein und bietet die Möglichkeit zum Mitsingen (21.-27. November 2020).

Als Eigenproduktion wird György Ligetis Aventures & Nouvelles Aventures für Kinder ab 6 Jahren erarbeitet. Das Ensemble Contrechamps wird von Elena Schwarz geleitet, das Konzept wurde von dem Kollektiv Notuntersuchungen entworfen (11.-13. Dezember 2020). Anfang 2021 kommt das Stück Soldat de plomb (Der Zinnsoldat) nach Andersen, die Geschichte eines Jungen dessen Leben von den Problemen der Erwachsenen durcheinandergebracht wird, vertont von Jérémie Rhorer. Ein Projekt für die Kleinen auf der grossen Bühne mit Jan Sobrie als Regisseur und den Musikern der HEM (26. Februar-2. März).

Die Zusammenarbeit mit Künstlern aller Art wird verstärkt durch die Teilnahme an den Aubes musicales in den Bains des Pâquis, wo Jean-Paul Pruna und Julien Henric Werke von Ralph Vaughan Williams und Maurice Ravel zur Aufführung bringen (19. August 2020). Das Grand Théâtre nimmt auch an Une Belge saison teil, einem Programm in Zusammenarbeit mit l’Association pour la danse contemporaine (ADC) und la Comédie, zu dem Cindy Van Acker, Jan Martens, Thomas Hauert und Peeping Tom eingeladen sind. Anne Teresa De Keersmaeker und Milo Rau nehmen sowohl an der Spielzeit des Grand Théâtre als auch an der von Vidy-Lausanne teil. Das ist ein guter Anlass, das gemeinsame Abonnement Focus ins Leben zu rufen, das unsere beiden Institutionen verbindet. Die Theaterreihe Vous êtes ici unter der Regie von Dominique Perruchoud, Michèle Pralong und Julie Gilbert ist eine Koproduktion, die 12 Bühnen aus der Westschweiz in 12 post-apokalyptischen Episoden zusammenbringt.

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